Prolog

Uns ist klar, dass Georgien nicht zum Nahen Osten gehört. Auch für Länder wie Azerbaijan und Oman ist diese Zuordnung eigentlich nicht korrekt. Für unsere Reiseroute passt es aber trotzdem ganz gut, die geografische Schindluderei sei uns daher verziehen...


Georgien

Batumi soll zu einer Art neuem Las Vegas an der Schwarzmeerküste werden, und im zentralen Strandbereich ist das bereits deutlich zu sehen; da wird mit der ganz grossen Kelle angerichtet. Alle paar Meter werden gewaltige Bauprojekte futuristisch aussehender Hochhäuser angekündigt. Wer dort dereinst wohnen soll?

 

Zuerst ein wenig vom ganzen Pomp eingeschüchtert, entdeckten wir dann aber schon bald das «alte» Batumi, und das hat mit seinen vielen grossgewachsenen Bäumen und den engen Gassen durchaus seine Reize. Und überhaupt: endlich konnten wir mal einen Sonnenuntergang über dem Meer geniessen, -auf der anderen Seite des Tümpels mussten wir für ein ähnliches Spektakel jeweils früh aufstehen.

 

Da wir schon viel vom herbstlichen Greifvogelzug in Batumi gehört hatten, wollten wir uns dieses Spektakel keinesfalls entgehen lassen. Also kraxelten am zweiten Tag auf einen kleinen Hügel neben der Stadt. An dieser Stelle ziehen im September alljährlich zwischen 50 000 und 100 000 grosse Raubvögel durch, pro Tag! Diese Zahl alleine ist schon eindrücklich, aber was sie wirklich bedeutet, erkannten wir erst vor Ort. In einem endlos scheinenden Strom fliegen Vögel von Norden her ins Gebiet, lassen sich kreisend von der Thermik nach oben tragen und passieren anschliessend im Gleitflug den geografischen Flaschenhals in Richtung Süden. Eine Gruppe Freiwilliger, positioniert auf zwei Hügeln und ausgerüstet mit Ferngläsern, Klickzählern und Walkie-Talkies, bestimmt und zählt die durchziehenden Vögel; daraus können dann wichtige Erkenntnisse über die Bestandsentwicklung der Greifvögel abgeleitet werden. Bekannt ist das Ganze unter dem Kürzel BRC: Batumi Raptor Count.

 

Wir standen also da uns staunten wortwörtlich Löcher in den Himmel, als neben uns plötzlich jemand: «Hoi zäme!» sagte. Stefan und Marlène sind mit ihren beiden Kinder Lill und Vito schon seit längerer Zeit mit einem kleinen Bus unterwegs und ebenfalls naturbegeistert. Von ihnen bekamen wir eine kurze Einführung in die georgische Vogelwelt, einen Einblick in das ABC der georgischen Küche und die wichtigsten Begriffe und Floskeln für die Verständigung. Alles Dinge, die schon bald sehr nützlich wurden. Und, um ehrlich zu sein, haben wir es wirklich genossen, wieder mal ein bisschen Schweizerdeutsch sprechen zu können…

 

 

Batumi und Umgebung

Auf dem Weg zum Goderzi-Pass

 

Nach zwei Nächten, einer grossen Wäsche, einem Besuch beim türkischen Friseur und ganz vielen Zugvögel wurde es dann aber Zeit, auch selbst weiterzuziehen. Florentine, eine junge Frau aus Karlsruhe, die wir auf der Fähre kennengelernt hatten, schloss sich uns für die Fahrt über den ersten Pass an. Wir rechneten mit 3 Tage für die 120 Kilometer mit 2000 Höhenmetern. Am ersten Tag machten wir ordentlich Kilometer und übernachteten in Dandolo bei einer Outdoor-Bar im Freien. Der Besitzer, der kurz vor dem Eindunkeln auftauchte, meinte, dies sei «Nooooooo Problem!» und bestand darauf, uns mit ein paar Gaben aus seinem Garten und einem Krug Wein zu versorgen. Die Tomaten, Birnen und Trauben waren unglaublich aromatisch, aber natürlich waren zwei vollen Kübel doch etwas zu gut gemeint.

 

Am zweiten Tag erreichten wir fast 1000 Meter über Meer, aber kurz nach der Kleinstadt Chulo geht’s erstens wieder bergab und zweitens ist die Strasse ab dort nicht mehr asphaltiert. Uns dämmerte langsam, aber sicher, auf was wir uns bei der Überquerung des Goderdzi einzustellen hätten. Zum Glück entdeckten wir ein kleines Guesthouse, dessen wunderschön grüne Grasfläche zum campen einlud. Der Besitzer Tornike meinte zwar, dass er auch schöne Zimmer hätte, aber wir wollten nach den Tagen in Burgas, auf der Fähre, in Batumi und im Freien unbedingt mal wieder unser Zelt aufstellen. Zum Znacht bewirtete uns Maria, die Mutter von Tornike, mit Köstlichkeiten aus dem Garten, Käsevariationen und allerlei Gebäck. Satt und zufrieden legten wir uns in die Schlafsäcke und hofften, die verbleibenden 1150 Höhenmeter am nächsten Tag zu packen. Darauf mussten wir dann aber noch vier Tage warten… in der Nacht wurde Selena von einem heftigen Brechdurchfall heimgesucht, an eine Passfahrt am nächsten Morgen war nicht zu denken.

 

Selena wurde in den folgenden Tagen von Tornikes Familie (Danke Maria!) wieder aufgepäppelt. Dank dieser Extra-Zeit im Ajaira-Tal bekamen wir spannende Einblicke in das Leben eines georgischen Haushalts, besuchten die Dorfschule, hatten Zeit zum Schreiben und vertieften unserer Georgisch-Kenntnisse. Als Selena wieder fit war, setzte Regen ein, und so blieben wir noch einen weiteren Tag bei Tornike, Maria und all ihren Relatives. Rückblickend hätte uns wohl kaum was Besseres passieren können, um so richtig in Georgien anzukommen, nur Selena hätte wohl gut auf den Auslöser für unseren Langzeitaufenthalt im Guesthouse Oasis verzichten können.

 

Die Passfahrt über den Goderdzi war weniger schlimm als befürchtet. Die Strasse ist zwar tatsächlich in einem sehr schlechten Zustand, aber es gab nur wenig Verkehr und mit unseren Velos können wir Schlaglöcher ja wieselflink umfahren. Als Autofahrer wird man da wohl mehr und heftiger durchgeschüttelt. Da es tags zuvor geregnet hatte, war zwar alles ein wenig schlammig, aber das schien uns das besser Los zu sein als die durch Autos und Laster aufgewirbelten Staubwolken bei trockener Strasse. Oben angekommen war die Freude gross, und nach ein paar «Gipfel»-Fotos hielten wir bei der Abfahrt Ausschau nach einem geeigneten Lagerplatz. Gut 400 Höhenmeter unterhalb des Passes wurden wir fündig, und nach einem feinen Znacht schliefen wir, trotz donnerndem Gewitter und schrill rufenden Waldkauzweibchen, steintief ein.

 

Zusammen mit Florentine fuhren wir noch bis nach Akhaltsikhe, der ersten grösseren Stadt nach unserer Pass-Querung. Florentines Weg führte nun nordöstlich nach Tbilisi in die Hauptstadt, und wir zogen südöstlich nach Ninotsminda. Dies bedeutete zwar wiederum einen grossen Anstieg, aber Georgien gefiel uns inzwischen so gut, dass wir das gerne in Kauf nahmen.

 

Sowieso hat sich unser Tagesrhythmus in Georgien stark verändert. Einerseits werden die Tage auch hier immer kürzer, andrerseits sind die Strassen ein dauerndes Hoch und Runter. Wo wir in Europa noch 70-90 kilometrige Tagesetappen geplant haben, sind wir hier mit 30-50 Kilometern meist gut bedient. So haben wir nachmittags Zeit, um kleine Wanderungen, Vogelbeobachtungen oder Ausflüge zu kulturellen Stätten zu unternehmen. Aber meistens ergibt sich sowieso eine Kombination aus allen dreien.

 

Auf dem Weg zur Hochebene besichtigten wir die Höhlenstadt Vardzia. Ein grosser Teil der Anlage wurde durch ein Erdbeben zerstört, aber vor gut 800-900 Jahren sollen hier bis zu 50 000 Menschen gelebt haben. Eine unglaubliche Geschichte in einer unwirklichen Kulisse hoch oben im Kleinen Kaukasus.

 

Ninotsminda liegt inmitten der Javakheti-Schutzgebiete, die im Grenzgebiet von Georgien, der Türei und Armenien angesiedelt sind. Hier machten wir zwei Tage Rast, radelten zu verschiedene Seen, sahen Pelikane auf 2000 Meter über Meer gegen starken Wind anfliegen, entdeckten einige uns bisher unbekannte Vogelarten und lernten die komplizierte und aufwühlende Geschichte der Bewohner kennen. Ninotsminda liegt zwar noch in Georgien, aber 90% der Bevölkerung sind Armenier. Besatzung, Vertreibung, Umsiedlung… es gibt wenig, was diese Menschen im letzten Jahrhundert nicht erleiden mussten. Eine sehr spezielle Stellung nehmen in dieser Gegend die Duchoborzen ein, sozusagen eine religiöse Minderheit innerhalb der armenischen Minderheit. Als wir in einem kleinen Dorf nah Ninotsminda einkauften, luden uns die Bewohner ein, die traditionellen Häuser der Duchoborzen anzuschauen und zu fotografieren. In unseren Funktionskleidung kamen wir uns um 100 oder 200 Jahre fehl am Platz vor, aber schön und faszinierend war der Einblick in die tatsächlich noch bewohnten Gebäude allemal!

 

Tbilisi ruft

 

Nach zwei Wochen in eher abgelegenen Gebieten spürten wir mehr und mehr den Ruf der Grossstadt. Unsere Räder benötigten dringend einen Bremsen-Service, und in Tbilisi würde es einen guten Mech dafür geben. Also radelten wir, was das Zeug hielt, und waren bereits nach zwei statt der geplanten drei Tage in der georgischen Kapitale.

 

Georgische Autolenker sind schon auf dem Land ein Ereignis: Verkehrsregeln werden flexibel interpretiert, es wird bei jeder (meist freundlich gemeinter) Gelegenheit gehupt, ein Drittel der Wagen sind rechtsgesteuerte englische Importautos, Hindernisse (Kühe, Schweine, Radfahrer und Schlaglöcher) werden mit stoischer Gelassenheit umfahren und der Zustand der Fahrzeuge reicht von sieht-aus-wie-neu bis hin zu wow-das-fährt-tatsächlich-noch. Wenn dann in der Hauptstadt eine Million Georgier aufeinandertreffen; herrlich! Und für uns als Velofahrer interessanterweise kein Problem: Wir lassen uns einfach von der Strömung mitziehen, flitzen zwischen den Spuren hin- und her, kommen rascher voran als die endlosen Autokolonnen und können Baustellen, Polizisten und anderen Hindernissen locker ausweichen. Als Schweizer Velofahrer hat man anfangs noch ein latent schlechtes Gewissen, wenn man sich ab und zu auf dem Gehsteig durch die Massen an Fussgänger schlängelt, aber wenn einem dann sogar Motorräder und Kleinwagen mit derselben Taktik begegnen, relativiert das alles.

 

Die kleine Wohnung, die wir in Tbilisi für fünf Nächte gebucht hatten, stellte sich als absoluter Glücksfall heraus. Obwohl nur knapp 200 Meter vom Zentrum entfernt, ist es in der in einem Innenhof versteckten Wohnung fast so ruhig wie auf dem Land. Der Eingang ist ebenerdig, und so können wir unsere Räder gut geschützt parkieren. Der Velomech hat ganze Arbeit geleistet und die Räder sind fit für die nächsten Monate on the road. Sie glänzen wieder wie neu, -etwas, was wir eigentlich lieber vermieden hätten... Wir geniessen gutes Essen, kaufen herrliches Brot beim französischen Bäcker (Boulangerie Paul!) um die Ecke, gehen ins Kino, besuchen Museen, wandern in der Stadt umher, lesen, schreiben und studieren Kartenmaterial und Höhenreliefs.

 

Georgien blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück, die allerorts erlebbar ist. Es gibt grosse Spannungsbögen zwischen sehr armen Regionen und der reichen Hauptstadt, zwischen Orten aus vergangenen Zeiten und der globalisierten Moderne. Die Menschen sind stolz auf ihre Traditionen und Erzählungen, ohne dass es je auch nur im Ansatz nationalistisch wirkt; nie hören wir ein Wort gegen oder über Die Anderen. Der Konflikt mit Russland ist noch immer eine unverheilte, ja gegenwärtige Wunde, und doch werden die vielen russischen Touristen durchwegs respektvoll behandelt; es wird klar unterschieden zwischen Putins Okkupations-Politik und den Russen als Menschen. Wir sind unsicher, ob wir tatsächlich in Asien oder eben doch noch immer in Europa sind. Die Georgier sollen sich selbst ja als Balkon Europas bezeichnen. Als wir in einer Runde fragen, ob sie sich selbst eher zu Europa oder zu Asien zählen, folgt prompt die lachende Antwort: «Eurasia!», und auf die Folgefrage: «Wollt ihr zur EU gehören?», sagt jemand, ohne zu zögern: «Ja!», und jemand anderes nach kurzem Überlegen: «Wir wollen keinen Einfluss von Russland.» Später lernen wir in Tbilisi Leute kennen, die mit China Geschäfte machen und von Chinas Projekt der New Silkroad profitieren. Und da kommen wir zur Einsicht, dass sich Georgien aufgrund seiner Lage an der Schnittstelle zwischen den Grossregionen Europa, Russland und Restasien einer klaren Zuordnung entzieht. Oder dass hier der Begriff Eurasien so gut passt wie sonst kaum; Daraus ergeben sich viele Chancen, aber darin liegt eben auch viel Spannungspotential. Die Georgier haben, so scheints, schon längst gelernt, damit umzugehen.

 

Tschau Tbilissi, hallo Wildnis

 

Haben wir im letzten Bericht den georgischen Verkehr gelobt? Nach unserer Abreise aus Tbilissi nehmen wir alles zurück: Vielleicht lags am Regenwetter, aber die Fahrt entlang des Kacheti-Highways war echt eine Herausforderung: Lärmige, uns haarknapp überholende Lastwagen und Autos, swimmingpoolgrosse Spritzpfützen, Dieselqualm ohne Ende… Wir sind bis heute nicht ganz sicher, wo die alle hinwollten, aber wir waren superfroh, als wir den Lärm nach zwei Fahrtagen hinter uns lassen konnten. Nach einem Abstecher ins touristisch herausgeputzte Sighnaghi, einem malerischen Dorf an malerischer Lage, unternahmen wir noch einen Abstecher in den Vashlowani Nationalpark an der Grenze zu Azerbaijan.

 

Schon vor dem Vashlowani Nationalpark treffen wir auf faszinierende Landschaften...

Damit man überhaupt in dieses Schutzgebiet darf, benötigt man eine Erlaubnis von der Nationalparkbehörde in Dedopliszqaro. Im Besucherzentrum wurden wir nett empfangen und beraten, und die Rangerin hat uns schliesslich sogar eine Fahrerin organsiert, die uns in den Park bringen und zwei Tage später wieder abholen würde. Im Park selbst darf man nur an drei Orten campen, und das klang in unseren Ohren absolut verlockend. Also packten wir alles Nötige in unsere grosse Tasche, kauften 10 Liter Trinkwasser und Essen für zwei Tage und trafen am nächsten Morgen unsere Fahrerin Julia vor dem Besucherzentrum. Nachdem alles im Geländewagen verstaut war, mussten wir noch zur georgischen Grenzbehörde, die etwas ausserhalb des Städtchens ist. Dort wurde unsere Permission von diversen Beamten geprüft, die Pässe wurden begutachtet, weitere Papiere wurden erstellt, Stempel auf Formulare gesetzt, das alles nochmals von ranghöheren Beamten visiert… Schlussendlich bekamen wir ein Papier, das uns den Aufenthalt für zwei Nächte offiziell erlaubte und im Fall der Fälle den azerbaijanischen oder georgischen Grenzbeamten auszuhändigen sei.

 

Unser Camp lag gut 60 Kilometer von Dedopliszqaro entfernt, und nur schon die Fahrt durchs Niemandsland dorthin war ein Erlebnis; Uns wurde klar, wie abgelegen wir die nächsten Tage sein würden. Die Landschaft wurde zunehmend unwirtlicher, -zuerst sehr flach und dann sehr zerklüftet, -und nach einigen Kilometern Fahrt durch trockene, schluchtenartige Täler stoppte Julia, zeigte auf ein paar Büsche und bedeutete uns, dass hier Endstation sei. Zu unserem Erstaunen (und zu unserer Freude) waren wir die einzigen weit und breit, aber ehrlich gesagt hätte sich auf dem «Campinglatz» auch kaum Platz für ein weiteres Zelt gefunden. Handyempfang? -Fehlanzeige. Es blieb also nur zu hoffen, dass Julia uns wie vereinbart abholen würde.

 

Nie zuvor haben wir auf unserer bisherigen Reise so viele Sterne gesehen, noch nie Saturns Ringe mit dem Fernrohr so deutlich erblickt, nie so tief und wohlig die Einsamkeit gespürt; die Stille wurde auch tagsüber nur durch unsere eigenen Schritte und ab und zu von rufenden Vögeln und davonhuschenden Echsen durchbrochen. Nach der ersten Nacht wurden wir von singenden Blaumerlen und gackernden Chuckarhühnern geweckt, Mönchsgeier kreisten am Himmel, und an den bizarr geformten Felserhebungen kletterten Steinsperlinge, was will man mehr?  

 

 

Julia holte uns (fast) wie vereinbart um halb 11 vormittags ab. Sie, eine gebürtige Ukrainerin, die es der Liebe wegen in diese Gegend verschlagen hat, entschuldigte sich immer wieder für die Verspätung. Als Ukrainerin sei sie sonst immer pünktlich, in Georgien dagegen sei Pünktlichkeit so eine Sache und man könne grundsätzlich immer dreiviertel Stunden Verspätung einrechnen. Für uns war alles ok, wir hatten bereits im Vorfeld abgemacht, erst nervös zu werden, sollte Julia bis um 12 nicht auftauchen…  Im Besucherzentrum schnappten und beluden wir unsere Räder, stockten im nahen Geschäft unsere Vorräte auf und fuhren noch am selben Tag an die Azerbaijanische Grenze. Nach einem letzten Abend mit georgischer Gastfreundschaft wurde es Zeit, weiter zu ziehen. Der Vashlowani Nationalpark war definitiv ein würdiger Abschluss für unsere Zeit im äusserst abwechslungs- und spannungsreichen Georgien!

 


AZERBAIJAN

Wenn du in ein neues Land reist und 100 Meter vor der Grenzstelle kommt ein Schild, auf dem dir «Good Luck» gewünscht wird, kannst du dir ein Schmunzeln nur schwer verkneifen… Das Glück brauchten wir aber tatsächlich, schliesslich mussten wir an diesem Grenzübergang zum ersten Mal einen Passwechsel vornehmen. Unser Plan war, dass Roli die Erstpässe nach der georgischen Kontrolle verschwinden lässt und Selena die Zweitpässe am azerbaijanischen Zoll hervorzaubert.

 

Teil 1 funktionierte logischerweise super: Der georgische Beamte checkte in unseren Pässen den Einreisestempel, glich die Fotos mit unseren Gesichtern ab, und schon hatten wir unseren Ausreisestempel. Roli packte die Pässe und versteckte sie an einem vorbereitetet Plätzli seiner Lenkertasche.

 

150 Meter weiter fragte ein uniformierter Azerbaijaner nach unseren Pässen, Selena öffnete ihre Lenkertasche und drückte ihm unsere Zweitpässe in die Hand. Etwas gelangweilt blätterte er sie von vorne nach hinten durch, schaute uns an, blätterte sie nochmals von hinten her durch, stutze, dann die Frage: «Stamp?». Wir stellten uns blöd: «Stamp?» Der Grenzbeamte beharrte, nun eher feststellend als fragend: «No stamp!». Wir auch eher feststellend: «New passport! New passport!». So ging das einige Mal hin und her, doch schliesslich bekamen wir unsere Pässe mit einem Kopfschütteln zurück. Yes! Siegesgewiss radelten wir weiter und machten schon die ersten dummen Sprüche darüber, wie einfach das nun gewesen sei. Denkste!

 

Nach der nächsten Kurve kam eine grosse Zollstelle, mit Militärs, Polizisten, Beamten, Hunden… Man wies uns an, ganz rechts ranzufahren und wollte wiederum unsere Pässe und die Visa sehen. Nach kurzem hin- und her musste wir uns zu einem Schalter begeben, nun zu einem Beamten, dessen englischer Wortschatz weit über «Stamp?» und «No stamp?» hinausging. Er akzeptierte zwar, dass wir neu Pässe hätten, fragte aber hartnäckig nach unseren alten, und irgendwo müsse da ja der georgischen Stempel sein, sonst wären wir nicht hier. Zeit für eine Flucht nach vorne; Wir rückten unsere Erstpässe raus, erklärten den Beamten den Grund für unserer zwei Pässe wieder und wieder (gefühlte zehnmal…) und bekamen schlussendlich beide Pässe zurück, der Zweitpass nun mit Azerbaijanischem Einreisestempel. Uff! Obendrauf gabs dann den wirklich gut gemeinten Ratschlag, dass wir solche Verwirrungen bei der Einreise in den Iran unbedingt vermeiden sollten, da wir sonst mit grossen Problemen rechnen müssten. Danke, das werden wir uns sicher zu Herzen nehmen!

 

Schon wollten wir weiter, doch ein weiteres Mal wurden wir gestoppt. Ein Teil der Beamten interessierte sich nun für die Technik unserer Räder, ein anderer Teil entdeckte unsere Ferngläser und reichte sie dann an andere Beamte weiter, und ein dritter Teil schliesslich machte seinen Job und röntgte unser komplettes Gepäck durch. Neugier weckte da allerdings nur die Küchentasche, aber nachdem sich all die Fläschchen und Döschen als harmlose Gewürze herausgestellt hatten, durften wir nach gut einer Stunde am Zoll auch schon weiter. Welcome to Azerbaijan!

 

 

Unterwegs

 

Von den ersten Metern auf Azerbaijans Strassen merkt man, dass hier die Petroldollars sprudeln. Auf grösstenteils neuen, breiten und durchwegs topfebenen Strassen rollen wir mit unseren Rädern durch dieses Land im östlichen Kaukasus. Den Reichtum sieht man zwar den Dörfern und Kleinstädten auf dem Land in keiner Art und Weise an, aber an den grossen Verkehrsachsen sieht man, dass Geld für Infrastrukturprojekte durchaus vorhanden wäre.

 

Schnell wurde uns klar, dass wir hier noch viel enthusiastischer gegrüsst werden als in Georgien. Es wird gehupt, gewunken, einige lehnen sich sogar aus fahrenden Autos und rufen uns zu. Wer ein paar Brocken Englisch kann, schmettert sie uns entgegen: «Hello hello! Where you from? Drink tschai!». Manchmal halten Wagen an und die Leute wollen ein Foto mit uns machen, einmal drückt uns eine Frau im Schleier aus einem Auto heraus ein grosses Glas Feigen-Konfitüre entgegen, -wir sind (zumeist) entzückt. Ein Barbier, der Rolis Bart stutzt, weigert sich, dafür Geld anzunehmen. Per Google-Translater werden wir gefragt: «Wurdet ihr in unserem Land gut aufgenommen?», -klar ja!

 

Wir verstehen zwar nicht immer alle sozialen Codes und sind das eine oder andere Mal auch irritiert, wenn eine Gruppe Männer direkt neben uns steht und ganz offensichtlich über uns spricht, ohne uns aber direkt zu beachten, und die Nähe-Distanz-Regel ist hier teilweise extrem verkürzt (vor allem beim Anstehen in Geschäften oder an Schaltern), aber wir fühlen uns nie unwohl. Was auffällt ist, dass (zumindest auf dem Land) im Alltag nur sehr wenige Frauen zu sehen sind. Morgens um 10, wenn wir einkaufen, stehen dutzende Männer in Gruppen vor den Geschäften, nicht eine Frau weit und breit. Auch in den Geschäften und an den Strassenständen treffen wir praktisch nur auf Männer. Wir haben viele spannende Gespräche, immer mit Männern.

 

"Nebenstrasse" in Azerbaijan und Tarkan, der diesen noch Tag gerettet hat.

 

Tarkan

 

Einen dieser Männer lernen wir kennen, nachdem wir uns so richtig verfahren haben. Also eigentlich ja nicht verfahren, weil gemäss unserem Navigations-App hatten wir eine super Abkürzung gefunden. Tapfer durchquerten wir kleine Flüsse, trugen die Räder über Felsen und durch Bachbetten, umgingen gewaltige Schlammpfützen und glaubten bei jedem neuen Hindernis (man kanns ja auch als Challenge sehen), dass es nun wohl nicht mehr schlimmer kommen könne. Und lernten jedes Mal: Doch, es kann. Als wir schliesslich an einem fast zwei Meter tiefen Abgrund standen wurde klar; no way, umkehren ist angesagt.

 

Aus der Abkürzung wurde also ein kleines Martyrium, denn nun mussten wir ja all die Hindernisse (Challenge ahoi!) nochmals anpacken, einfach in umgekehrter Reihenfolge. Als Krönung verlor Roli beim Durchqueren eines Baches noch seine Sonnenbrille (schon die zweite seit dem Start), juhui! Zum Glück tauchte bei einem der schwierigsten Hindernisse plötzlich ein Mann aus dem Nichts auf und half uns, die Räder über einen Kanal zu hieven.

 

Wieder an der Strasse angekommen, meinte Roli zu Selena: «Wenn jetzt einer anhält und uns mitnehmen will, ich würde ja sagen!». Unglaublich, aber wahr: Kaum losgefahren, hielt neben uns ein Ford Transit an! Der Fahrer fragte gestikulierend, ob er uns mitnehmen solle. Wir, ohne zu zögern: «Yes!».

 

Von Tarkan lernten wir in den folgenden zwei Stunden vieles über Land und Leute, und einige Brocken Azerbaijanisch. Er, ursprünglich in Georgien aufgewachsen, sieht sich weder als Georgier noch als Azerbaijaner, sondern als Turk: ein Mitglied der Turkvölker. Bei einem Camp von Flüchtlingen aus dem Berg-Karabach-Konflikt hielt er an und lud uns zum Mittagessen ein; wir hatten diese Camps zwar schon ein paar Mal gesehen, ohne aber zu verstehen, was die Geschichte dahinter ist. Am liebsten hätte uns Tarkan direkt nach Baku mitgenommen, zeigte dann aber Verständnis dafür, dass wir die Sache mit dem Velo zu Ende bringen wollten.

 

 

Wir fahrn fahrn fahrn, auf der Autobahn

 

Azerbaijanische Strassen mögen zwar gut sein, aber das Strassennetz kann nicht als engmaschig bezeichnet werden. Zaghafte Versuche, Nebenstrassen zu nutzen, endeten durchwegs desaströs. Das bedeutete für uns, immer schön der Hauptstrasse zu folgen. Ein Blick in die Karte zeigte, dass die Hauptstrasse 130 Kilometer vor Baku zur Autobahn M4 wird. Zum Glück konnten wir bereits in Rumänien und Bulgarien Erfahrungen mit dem Befahren von Autobahnen sammeln, daher war das Motto: Einfach mal drauflos und dann schauen, wie der Verkehr auf uns reagiert.

 

Nach wenigen Metern wurde klar, dass die Strasse a) nigelnagelneu ist, b) zwei Spuren plus einen Pannenstreifen (Radweg!) hat und c) kaum befahren ist. Nach einigen Kilometern war unsere Seite gesperrt und der Verkehr wurde auf die entgegenkommende Spur geleitet, doch die netten Strassenarbeiter vor Ort bedeuteten uns, dass wir einfach auf unserer Seite weiterfahren sollten. So hatten wir auf den folgenden 15 Kilometern einen top ausgebauten, topfebenen Radweg ganz für uns allein, drei Spuren, acht oder sogar zehn Meter breit. Und auch danach blieb der Verkehr bis kurz vor Baku angenehm. Die Polizei schenkte uns genau so wenig Beachtung wie den gelegentlichen Traktorfahrern, die auf einer Autobahn ja eigentlich genau so wenig zu suchen hatten wie wir.

 

 

Kurz vor Baku wird die Autobahn dann wieder zu einer Art Hauptstrasse, auf der sich der ganze Verkehr zusammenwurstelt. Nicht ganz so toll mit dem Velo, aber wir waren früh unterwegs und konnten uns Zeit lassen, sprich häufig Pause machen. Baku hat mit seinen mehr als zwei Millionen Einwohnern eine immense Ausdehnung, die Stadtfläche ist gar grösser als der ganze Kanton Zürich. An einem Punkt, schon irgendwo im Stadtgebiet, staute sich der ganze Verkehr, und ganz weit vorne waren an einer Kreuzung blinkende Polizeiautos zu sehen. Wir liessen den Stau wortwörtlich links liegen, waren schon bald an besagter Kreuzung, ein Polizist sah uns, stoppte sofort den ganzen Verkehr und winkte uns freundlich durch. Nach gut 100 Metern realisierten wir, was da grade passiert war: Die Polizei hatte uns grade auf eine sechsspurige Stadtautobahn geschickt. Zu unserem Glück machten die Autofahrer genau das, was sie auch in der Schweiz machen, sobald eine Autobahn nur schon dreispurig ist: Niemand benutzt die Spur ganz rechts. Also wieder ein Radweg für uns. Trotzdem waren wir etwas verunsichert, ob das alles legal sei… aber nach dem dritten Polizeiwagen, der tatenlos an uns vorbeifuhr war klar, dass das schon irgendwie ok war. Scary, aber ok. Hello Baku!

 

Thumbs up für die Stadtautobahn Baku!

Baku

 

Bevor wir in Baku unser Hotel aufsuchten, radelten wir schnurstracks in Richtung Kaspisches Meer. Wir wollten die Strecke durch die Kaukasusregion, die in Batumi begonnen hatte, symbolisch mit all unserem Hab und Gut beenden. Irgendwann sahen wir dann das Meer, aber eine achtspurige Strasse (die, wie wir später rausfanden, einmal pro Jahr als Formel 1 Strecke herhalten muss) versperrte uns den Zugang. Und wie wir so diese Strasse entlangfahren, hörten wir im ganzen Lärm plötzlich jemanden unsere Namen rufen: Ina und Bart, von denen wir uns fünf Wochen zuvor im Hafen von Batumi verabschiedet hatten, standen bei einer Statue und winkten uns zu! Unglaublich, wie klein so eine 2-Millionen-Stadt sein kann. Mit ihrer Hilfe fanden wir dann doch noch einen Weg zum Kaspischen Meer und konnten das Kaukasus-Abenteuer letztlich abschliessen. Ganz ehrlich; bei der Planung hat uns dieses Stück Bauchschmerzen bereitet. Wir wussten nicht, ob und wie wir diese anspruchsvolle Etappe mit all ihren Höhenmetern packen würden… Vielleicht würden wir uns hier eingestehen müssen, dass wir uns zu viel vorgenommen hatten. Aber nun war es geschafft, wir waren in Baku, checkten ins Hotel ein uns planten für die kommenden Tage einfach mal gar nichts.

 

Gar nichts gibt’s nicht, und natürlich hatten wir in Baku ein paar Besorgungen zu machen. Roli brauchte einen Ersatz für die verlorenen Sportbrille, und Selena machte sich auf die Suche nach ihrem Haaröl. Beides stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Kein Brillen- oder Sportgeschäft in Baku hatte eine geeignete Brille, mit der Roli auch bei diffusen Lichtverhältnissen etwas sehen konnte, und auch die Marke von Selenas Haaröl war nirgends zu finden. Erst am dritten Tag stiessen wir dann doch noch auf eine passende Brille, und auch ein würdiger Ersatz für das Haaröl konnte schliesslich gefunden werden.

 

Am vierten Tag liessen wir uns vom Freund eines Freundes unseres Hotelreceptionisten 70 Kilometer Richtung Osten chauffieren, um den Abscheron-Nationalpark nach spannenden Vögeln abzusuchen. Hier, am östlichsten Zipfel Azerbaijans, entdeckten wir eine Rohrdommel, jede Menge Strandvögel und, -ganz, ganz viel Wind. Irgendwann wehte der so stark, dass wir und nur noch mit Mühe verständigen konnten. Schön wars trotzdem, wie wir da so über Muschelsand wanderten. Und der Gedanke, hier nur noch knapp 200 Kilometer Luftlinie von der turkmenischen Küste entfernt zu sein, befeuerte unsere Reiselust. Im nächsten Frühjahr werden wir, vielleicht, dort vorbeikommen…

 

Am letzten Abend in Baku gab’s etwas zu feiern: Seit drei Monaten unterwegs, gut ein Sechstel der Strecke geschafft! Wir gönnten uns ein azerbaijanisches Festmahl mit Plov, Dolmas, Granatapfelwein und einem Dessert aus mit Zucker überbackenen Käse («You have to try this!), den wir jetzt mal höflich als interessant bezeichnen wollen... Weniger interessant war dann die darauffolgende Nacht mit Durchfall, und so wurde aus den geplanten vier Tagen in Baku schlussendlich deren sieben. Das war aber gar nicht so schlimm; wir machten kleine Spaziergänge, entdeckten die eine oder andere schöne Ecke in Baku und genossen so tatsächlich mal drei Tage lang das erholsame Nichtstun.

 

Von Schlamm, Öl und nicht vorhandenen Küstenstrassen

 

Nach Baku führte unser Weg immer in Richtung Süden. Leider führte die Strasse nie direkt am Meer entlang, und so lagen noch ein paar Tage trockene, braune Landschaft vor uns. Wir «bestiegen» mit unseren Velos die legendären Schlammvulkane von Gobustan und hatten dort einige spannende Begegnungen mit Touristen aus China und Israel. Die Vulkane selbst sind eher lustig und interessant als imposant, aber da Azerbaijan 70 Prozent aller Schlammvulkane weltweit beherbergt, muss man die unbedingt besuchen, wenn man sowieso in der Gegend ist. Insbesondere bemerkenswert fanden wir eine sumpfige Pfütze ganz in der Nähe, an der die Taxis mit den Touristen achtlos vorbeifahren; es ist eine der wenigen Stellen, an der Erdöl offen an die Oberfläche drückt. Wir aber waren vom Schwarzen Gold angetan und verweilten ein paar Minuten. Erdöl. -Vielleicht der vielseitigste, gefährlichste und meist umkämpfte Rohstoff überhaupt. Hier lag er vor uns, und war eigentlich ganz schön, wie er so den wolkigen Himmel über uns in seinem tiefschwarzen Glanz spiegelte.

 

Weiter südlich lernten wir im Shirvan Nationalpark Hikmet kennen. Hikmet ist Ranger und mag Velofahrer. Aber noch viel mehr mag er Birder. Kurz: Hikmet mochte uns sehr. Da wir an diesem Morgen Schwierigkeiten hatten, frisches Trinkwasser und neue Vorräte zu besorgen, hatten wir eigentlich nur ein paar Nachmittagsstunden Zeit, um das grosse Schutzgebiet zu erkunden. An einem schilfumwachsenen See inmitten einer endlos scheinenden Steppenlandschaft sichteten wir Rosaflamingos, Purpursumpfhühner diverse Entenarten und, endlich!, -die lang ersehnten Krauskopfpelikane. Wir waren hin und weg. Als Hikmet uns anbot, unser Zelt auf dem Dach der Rangerstation aufschlagen zu dürfen, liessen wir uns nicht zweimal bitten und sagten für den nächsten Tag zu.


Am nächsten Morgen standen wir also pünktlich um Neun wieder im Park und richteten uns für die nächsten 24 Stunden ein. Ausser uns war noch ein Aufseher und zwei Tagesgäste aus Baku vor Ort. Ansonsten gabs nur uns, rudelweise Gazellen, Schlangen und jede Menge Vögel. Am Abend genossen wir einen herrlichen Sonnenuntergang, kochten Spaghetti und freuten uns über die Schleiereule, die fauchend ihre Runden um unser kleines Reich zog. Von allen bisherigen Zeltplätzen wird dieser eine nur schwer zu toppen sein.

Grün

 

Noch weiter südlich wurde die Landschaft um uns plötzlich wieder grün; wir hatten die subtropischen Küstenwälder des Kaspischen Meeres erreicht. Hier gibt es wieder alle paar Kilometer ein kleines Flüsslein, es wird fleissig Landwirtschaft betrieben, und die Luft wurde auf einmal so feucht, dass unsere Wäsche wieder länger als nur eine Nacht zum Trocknen benötigte. Wir richteten uns 30 Kilometer vor der iranischen Grenze für drei Tage in einem kleinen Guesthouse ein. Die Umgebung und die Räume erinnerten uns an ein kleines Chalet zuhause in den Schweizer Bergen. Passend dazu gab es endlich wieder mal Regen, und von so einem warmen Chalet aus betrachtet ist das eine schöne Sache nach ener Velotour durch die trockenen Landschaften Azerbaijans…

 

Poststelle im Grünen, mit Bahnanschluss und Meerblick

Ausreise auf Bürokratisch, Stufe 1

 

Nach einer letzten Nacht mit einem letzten Bier im azerbaijanischen Teil der Grenzstadt Astara wurde es Zeit, ein Land weiter zu ziehen. Man liest und hört sehr viel Gutes, wenn man sich auf eine Reise in den Iran vorbereitet. Die iranischen Grenzbeamten gehören aber definitiv nicht dazu. Und so fuhren wir angespannt und voller diffuser Erwartungen Richtung Zoll. Roli war tags zuvor sogar noch beim Barbier gewesen, um einen möglichst guten Eindruck zu machen…

 

Die Azerbaijaner nahmen ihren Job wie schon bei der Einreise seeehr genau. Wir wurden kurz befragt, unsere Pässe wurden gescannt, unsere Gesichter wurden mit den Fotografien verglichen, die bei der Einreise von uns gemacht wurden, und schliesslich durften wir die Velos wieder komplett entladen und alle Taschen durchs Röntgengerät schicken. Der Beamte hinter dem Monitor war zwar grade mit seinem Handy beschäftigt, aber egal; der Bürokratie war genüge getan. Schliesslich und schlussendlich bekamen wir unseren Ausreisestempel und wurden mit dem netten Hinweis, dass der Iran ein «really dangerous country» sei und wir bitte gut auf uns aufpassen sollten, aus Azerbaijan entlassen.

 

Dangerous country? -Hatte man uns genau das ein paar Wochen zuvor über Azerbaijan nicht auch schon gesagt?

 

 

 


IRAN

Der Iran. Für uns Liebe auf den zweiten Blick, seit dann dafür aber so richtig. Eine Geschichte mit Höhepunkten und Prüfsteinen, und einem unerwarteten Ende. Der nachfolgende Text ist länger als die bisherigen Reiseberichte, und wird Land und Leuten doch nur im Ansatz gerecht. Vieles haben wir weggelassen, um anderes ausführlicher erzählen zu können. Nicht genug erwähnt werden kann die grosszügige Herzlichkeit der Menschen. Wir haben bei unseren Reisevorbereitungen darüber gelesen, aber man glaubt es erst so richtig, wenn man sie selbst erlebt. Schwierig, dafür passenden Worte zu finden, ohne dass es kitschig wird. Am ehesten trifft’s für uns ein englisches Adjektiv: mindblowing.

 

 

An der Grenze zum Iran

 

Im Rückblick müssen wir über uns selbst lachen; Wir hatten die Velos vom gröbsten Schmutz befreit, den Staub von den Taschen gebürstet und deren Inhalt aufgeräumt. Rolis Haare wurden frisiert und der Bart gestutzt. Selena hat sich in iranischen Blogs zu how-to-wear-a-Hijab schlau und vor dem Hotelspiegel ein paar Trockenübungen gemacht. Die letzten Schlucke Rum im Expeditions-Flachmann wurden gewissenhaft der Vernichtung zugeführt. Alle Papiere, Visa, Versicherungsnachweise und die Pässe griffbereit im Lenkertäschli deponiert. -Und trotzdem war da, mehr als an den Grenzübertritten zuvor, eine diffuse Nervosität, als wir die kleine Brücke über den Grenzfluss querten. Auf der anderen Seite dann mehrere Gebäude und Menschengewimmel, wir bleiben kurz ratlos stehen, doch man weisst uns nach rechts, wo ein mit bunten Fähnchen geschmückter Plastikpavillon zu einem vergitterten Durchgang führt. Roli versucht mit der Bemerkung, dass ganze wirke wie der Eingang zu einem Goa-Festival, die Nervosität etwas zu glätten, scheitert aber. Schliesslich stehen wir vor einer Tür, über der das Konterfrei Chomeinis streng auf uns herunterblickt, stossen sie auf und schieben unsere Räder in einen Schalterraum.

 

Natürlich fallen wir sofort auf. Ein Beamter lächelt uns an, winkt zuerst uns und dann einem Kollegen zu. Dieser lotst uns zu einem der Schalter, setzt sich und sagt: «Welcome to Iran. Passports please.» Währendem Pässe und Visa elektronisch erfasst werden, wird die Schweiz als wunderschönes Land gelobt, man fragt nach unseren Reisezielen im Iran und sagt, dass Isfahan und Shiraz zu dieser Jahreszeit sehr angenehm sein sollen. Nach weiterem Geplauder erhalten wir alle Papiere frisch gestempelt zurück und der nette Herr wünscht eine gute und sichere Weiterreise.

 

Soweit, so gut. Weiter geht’s zur Gepäckkontrolle, wo zwei Beamte neben einem Röntgenband bereits warten. «Where are you from?», will man zur Begrüssung von uns wissen. «Switzerland? Ah! Bern, Basel, Luzern! Young Boys best Football-Team! Guten Tag, wie geht es ihnen?» Wir sind baff, und während wir mit einem der Beamten in einem Englisch-Deutsch-Mischmasch (ausgerechnet!) über Fussball plaudern, schickt der andere eine von unsere zwölf Tasche durchs Röntgengerät, ohne dabei den Monitor auch nur von der Seite her anzuschauen. Ist das alles? Auch hier wünscht man uns eine gute Reise, «Welcome to Iran!», -und weist uns freundlich den Weg nach draussen.

 

Im ersten Moment sind wir unsicher, ob wir jetzt wirklich alle Kontrollen geschafft haben und schauen uns um. Jede Menge Menschen. Strassenhändler. Rufe: «Taxi? Taxi!», oder: «Change Money, change Money?». Ja, ganz offensichtlich, wir sind im Iran. Wow!

 

Ankommen

 

Wer in den Iran reist, hat einige Dinge zu beachten. So ist zum Beispiel der Bezug von Bargeld oder das Bezahlen mit Kreditkarten für Ausländer nicht möglich. Man muss also das ganze Geld, das man zu benötigen glaubt, in Bar mit sich tragen. In Azerbaijan haben wir daher Dollars organisiert, und irgendwo ganz tief in unseren Taschen war noch ein Bündel Schweizer Franken gebunkert. Aus Blogs wussten wir, dass es einen offizielle und einen inoffiziellen Wechselkurs gibt. Banken und Klein-Gauner grad nach der Grenze versuchen, arglosen Iran-Neulingen Rials zum offiziellen Kurs anzudrehen. Dabei wird dann wichtig in den Handys rumgetippt uns den Leuten weissgemacht, sie würden jetzt grade ein super Geschäft machen. Dabei ist der offizielle Kurs etwas viermal schlechter als der inoffizielle, den alle Wechselstuben und Strassenhändler im Inland benutzen. Wir haben daher alle Strassenhändler (es sind viele..) ignoriert und das erstbeste Exchange-Bureau aufgesucht. Für 100 Dollar gabs 11 Millionen Rial. Phu! Soviel Geld… In der Wechselstube wurde uns beschieden, dass unsere Schweizer Franken, wenn überhaupt, in grossen Städten getauscht würden, aber sicher nicht hier. Ups… ob das noch ein Problem geben könnte?

 

Nachdem wir unsere sieben Sachen in einem Hotelzimmer in Sicherheit gebracht hatten, spazierten wir durch Astaras Lädeli-Zeile. Selena suchte ein Sport-Hijab und Roli schaute, wo man abends etwas essen könnte. Beides war nicht erfolgreich; die Buchsstaben an den Geschäften waren uns fremd und die Frage nach Sport-Hijabs löste bei den Verkäufern Befremden aus. Zurück im Hotel erhielten wir eine Nachricht von Ina und Bart, einem Deutsch-Niederländischen Paar, das gut eine Woche vor uns in den Iran geradelt ist. Beim Campen wurde ihnen nachts der Kocher aus dem Vorzelt gestohlen und zwei Tage später wurde das Zelt und diverse Teile von den Rädern weg entwendet. Die beiden waren von Deutschland nach Teheran unterwegs, und dass sie kurz vor dem Ziel gleich zweimal Pech hatten, tat uns unheimlich leid. Gleichzeitig gingen uns tausend Dinge durch den Kopf, auf was wir uns da die nächsten Wochen wohl einstellen müssten… Schliesslich entschieden wir uns, der aufkeimenden Paranoia keinen Raum zu geben, gingen nochmals nach draussen, kauften ein schickes Kopftuch, fanden einen klitzekleinen Kebap-Laden und verschlangen eine Portion Reis mit Schaschlik und Dough*. Der Preis von 350'000 Rials liess uns zwar kurz zusammenzucken, aber nach kurzem Nachrechnen fanden wir 3.50 Franken für einen ganzen Znacht mehr als nur ok.

 

Nach einer ersten Nacht im Iran wollte wir das etwas charme-arme Astara so rasch als möglich hinter uns lassen. Die Richtung war klar, immer weiter der Küste des Kaspischen Meers nach Süden folgen. Und da es dafür nur eine Strasse gibt, war die Planung der ersten Etappe relativ einfach.

 

Der Verkehr im Iran spielt in einer eigenen Liga, doch dazu später mehr. Wir lesen ja immer brav die Reisehinweise der deutschen und schweizerischen Behörden. Da bereits ab Ungarn vor dem Verkehr gewarnt wird, liessen wir uns von der Formulierung: «Das unberechenbare Verhalten vieler Verkehrsteilnehmer und die mangelhafte Wartung eines grossen Teils der Fahrzeuge … stellen ein hohes Unfallrisiko dar.», nicht aus der Ruhe bringen. Schon in den ersten Kilometern wurde uns aber bewusst, dass wir es hier mit einem neuen Mitspieler zu tun hatten: Motorräder! Knatternd und qualmend bahnen sie sich ihren Weg durch den Verkehr. Man sitzt auch mal zu zweit, zu dritt oder sogar zu viert darauf. Niemand trägt einen Helm. Verkehrsregeln, Geschwindigkeitsbeschränkungen und Signale werden, wenn überhaupt, maximal flexibel interpretiert. Konsequenz für uns: Bisher waren wir mit unseren breiten Velos die auffälligen Exoten im Strassenverkehr und wurden daher auch immer gut wahrgenommen, nun sind wir einfach ein weiteres Zweirädriges Etwas unter Vielen, das sich seinen Weg durchs Gewimmel sucht. Und im Gegensatz zu den Autos können Mopeds dich auch mal rechts überholen. Warum auch nicht, wenn da noch genug Platz ist?.. Ausserhalb der Stadt wurde es glücklicherweise rasch ruhiger. Stellenweise so ruhig, dass auf dem begrünten Mittelstreifen der Autobahn Kühe weiden können. So schön!

Die Gegend, eingeklemmt zwischen Meer und Gebirge, ist dicht besiedelt und wird landwirtschaftlich intensiv genutzt; keine guten Voraussetzungen für wildes Campen. Während der Mittagspause versuchten wir daher, uns das Schriftzeichen für Hotel bildlich einzuprägen. Gross war die Freude, als wir kurz Sonnenuntergang tatsächlich ein Schild mit dem passenden Schriftzug ausmachen konnten! Da aber nach 20 Minuten weder inner- noch ausserhalb des Gebäudes jemand auf unsere «Hallo?»-Rufe reagierte, gings noch ein Stück weiter. Im nächsten Ort hatten wir mehr Glück und wurden sehr freundlich empfangen, sogar unsere Velos bekamen ein Plätzli an der Wärme und so konnten wir einen entspannten Aufenthalt geniessen. Es gab nämlich viel zu tun: Unser Kocher wurde zunehmend unbrauchbar, und der Versuch, ihn mit azerbaijanischem Kerosin zu betreiben, hatte der Pumpen-Dichtung wohl den Todesstoss versetzt. Da die Aussicht, im Iran das passende Ersatzteil zu finden, gegen Null tendierte, musste die Dichtung in der Schweiz geordert werden. Das Paket würde zwischen 5-7 Arbeitstage unterwegs sein (bei 70 Franken Porto…). Also rechneten wir aus, wann das Paket abgeschickt werden könnte, welche europäischen und iranischen Arbeits- und Freitage berücksichtigt werden müssen, wie Kilometer wir pro Tag fahren wollen und welche Berge uns bei dem allem noch im Weg stehen. Die Quintessenz war: Wir und das Paket können’s in 11 Tagen nach Qom schaffen, einer mittelgrossen Stadt südlich der Hauptstadt Teheran. Teheran selber könnten wir so grosszügig umfahren.

 

Mit Hilfe der netten Dame an der Reception reservierten wir ein Hotelzimmer für das fragliche Datum und so kamen wir in den Besitz des letzten und wichtigsten Puzzleteils der ganzen Aktion: Eine Postadresse im Iran. Nun musste nur noch Rolis Vater informiert werden, der das Ersatzteil bereits besorgt und versandfertig verpackt hatte. Noch am gleichen Tag ging das Päckli in Brütten bei Winterthur auf die Post, wo noch alle Zollpapiere penibel ausgefüllt werden musste; nun hiess es: dem Paket eine gute Reise wünschen und Daumen drücken.

 

Erste Bekanntschaften

 

Wir radelten derweil weiter der Küste nach und machten in der Mittagspause zum ersten Mal a) mit der legendären iranischen Gastfreundschaft und b) mit der Aggressivität der lokalen Flora Bekanntschaft. An diesem schönen Stück Strand waren wir nämlich nicht die einzigen, sondern es waren viele Familien dort, die auf Decken sitzend das schöne Wetter genossen. Wir setzten uns etwas abseits auf eine kleine Düne und packten unseren Proviant aus. Schon nach wenigen Bissen steuerte eine junge Frau auf uns zu. Warum wir hier so abseits im Sand sässen, wollte sie wissen. Warum wir nicht einfach zu ihnen kommen würden, es hätte ja schliesslich Platz auf der Decke und genügend Essen dazu. Hmmm, darauf fiel uns tatsächlich keine schlaue Antwort darauf ein. Also stiessen wir unsere Velos durch den Sand zu einer Gruppe Menschen, die uns begrüssten wie alte Freunde, die man schon länger nicht mehr gesehen hat.

 

In den folgenden zwei Stunden lernten wir sehr viel über Land und Leute im Iran. Schon nach kurzem Kennenlernen konnten wir all die Fragen zu stellen, die uns auf der Zunge brannten: Ist es unhöflich, wenn ich mich barfuss auf deine Decke setze? Wie sagt man Danke? Darf ich wirklich nur die rechte Hand zum Essen nutzen? Und, und, und… Nur eine Frage wurde uns nicht schlüssig beantwortet: Warum ladet ihr uns Fremden ein, gebt uns Essen und Getränke und behandelt uns, als ob wir zur Familie gehören würden? Warum denn nicht?, -war die Antwort. Macht man das nicht so, dort wo ihr herkommt?

 

Schliesslich wurde es Zeit, weiterzugehen. Es folgte ein Abschiedsritual, wie wir es danach noch dutzende Male erleben durften: Habt ihr Instagram, WhatsApp? Gib mir deine Nummer, hier ist meine. Ruft an, wenn ihr etwas braucht, Probleme habt, jemanden zum Übersetzen braucht, egal was, egal wann! Nach vielen «cheili mamnuns» (vielen Dank) und langem Winken waren wir wieder zurück on the road. Wir fanden, wieder kurz vor der Dämmerung, ein kleines Hotel direkt an der Küste. Wir checkten für eine Nacht ein, und würden sechs bleiben.